Dienstag, 14. Juni 2016
Freitag, 15. April 2016
EU – EURO – BREXIT und andere äußere und innere Verrenkungen
Heute, am 15.April 2016, hat in Großbritannien die
Kampagne um den sogenannten BREXIT begonnen. In dem Referendum am 23. Juni entscheiden die Briten, ob das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union bleiben soll oder nicht. Gegenwärtig liegen die Chancen dafür bei etwa
50 : 50 - bei leichten Vorteilen für die Brexit-Befürworter, also für einen Austritt.
Die Wogen in der Öffentlichkeit gehen hoch (vgl. z.B.
den Stimmungsbericht von J. F. Jungclausen in ZEIT-ONLINE vom 15.04.2016:
http://www.zeit.de/2016/15/brexit-eu-grossbritannien-wales-referendum-landwirtschaft-schafzucht).
Die konservative Presse (voran „THE DAILY TELEGRAPH“) unterstützt den
Oberbürgermeister von London, Boris Johnson, der sich – zusammen mit vier
Mitgliedern der konservativen Regierung – an die Spitze der EU-Kritiker gesetzt
hat. Insulare Selbständigkeitswünsche (möglicherweise auch Erinnerungen an das
Empire), Ängste vor zu vielen Einwanderern und scheinbar pfiffige Gewinn- und
Verlustrechnungen werden dabei vermengt mit der Abneigung gegen „Fremdbestimmung“
aller Art, die aus der Brüsseler Bürokratie und von der Straßburger Gerichtsbarkeit kommen.
So vermengt Johnson im offenen Duell mit dem „befreundeten“ David Cameron in seiner
geschickten Polemik die Forderung nach dem Austritt mit der
Forderung, den jährlichen EU-Beitrag Großbritanniens einzusparen. Er schlägt im
heutigen Daily Telegraph vor, diesen Betrag von 13 Milliarden Pfund für die Finanzierungslücken des britischen Gesundheitssystems „National
Health Service“ (NHS) zu verwenden. Ihm kommt zugute, dass „rein zufällig“
ebenfalls heute wieder neue Hiobsbotschaften über den NHS laut geworden sind (stark
gestiegene Defizite, unzumutbare Wartezeiten der Patienten auch in
Notfällen). Darüber berichtete auch die liberale und linke Presse (voran „THE GUARDIAN“) immer wieder, die für einen Verbleib Großbritanniens in der EU
eintritt. Diese Medien hatten Mühe, den unbequemen Führer der Labour Party,
Jeremy Corbyn, dafür zu gewinnen, sich für den Verbleib einzusetzen. Mit
Ausnahme von vier Ministern plädiert die britische Regierung unter dem anfangs
wankelmütigen David Cameron ebenfalls für den Verbleib in der EU. Maßgebliche
Kreise der Wirtschaft und auch die Bank of England warnen seit Monaten vor den
ökonomischen Folgen eines Austritts, die durch die Unsicherheit über den Ausgang des Referendums schon jetzt
sichtbar wären. So ergibt sich eine merkwürdig schwache und zugleich „unheilige“
Allianz aus Wirtschaft (besonders Finanzwirtschaft), uneinheitlicher Regierung
und Opposition, die sich primär aus ökonomischen Gründen gegen den Brexit ausspricht.
Was den Beobachter vom Kontinent, der gegenwärtig
von schwächelnden Volkswirtschaften (außer Deutschland) sowie von EURO-,
Griechenland- und Flüchtlingsproblemen reichlich geplagt ist, besonders
irritiert, sind zwei Aspekte: Erstens, dass in der britischen Diskussion die
geopolitischen Gefahren Europas (Ukraine-Konflikt mit Russland, IS-Terror)
ebenso aus den Augen verloren wurden wie die regionalpolitischen Konflikte (Separationswünsche
Schottlands, Katalonien). Zweitens, dass
in den britischen Medien fast ausschließlich die wirtschaftlichen und sozialen
Aspekte des Brexits, nicht aber die Fragen einer europäischen Identität nach
Jahrhunderten der Kriege und Feindschaften diskutiert werden. Da erfreut es den
Beobachter besonders, wenn er auf einzelne Stimmen stößt, die genau auf diesen
Punkt hinweisen. Dazu gehört der ehemalige Banker und Handelsminister der liberal-konservativen
Regierung Stephen Green. Er hat jüngst (The European Identity. Historical and
cultural realities we cannot deny. London 2015) die Besinnung auf die
gemeinsame, oft traurige europäische Geschichte eingefordert, in deren Verlauf dem
europäischen Haus so viele kulturelle Glanzlichter (Philosophen, Komponisten,
Künstler, Wissenschaftler) aufgesetzt wurden. Letztlich folgt daraus die
Forderung: Einigkeit macht stark. Um im Bild zu bleiben: Wenn beide Teile des
europäischen Hauses, der kontinentale wie der insulare Teil, gegenwärtig von mehreren Stürmen bedroht sind,
kann man nicht einfach ausziehen. Also gilt es, weiterzuarbeiten an diesem Generationenwerk
und die vorhandenen Baustellen (einheitliche Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik,
Bürokratieabbau) schnellstmöglich zu reparieren.
15.04.2016
Mittwoch, 24. Februar 2016
Berliner Glanz und Elend der Kunst
Berlin befand sich in den letzten 14 Tagen im Taumel der 66.
Internationalen Filmfestspiele. Zugleich warf die Ausstellung „Kunst aus dem
Holocaust“, in der 100 Werke aus der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem im Deutschen Historischen Museum zu sehen
sind, ihre langen Schatten. Damit zeigte sich erneut sehr deutlich, wie sich diese
europäische Hauptstadt einerseits ihrer Vergangenheit stellt und andererseits
dem Glanz der Gegenwart Raum und Zeit gewährt.
Ich habe beide Ereignisse intensiv wahrgenommen und mich
auch über den Star George Clooney gefreut, der als politisierter
Sympathieträger die in Bedrängnis geratene Bundeskanzlerin in der
Flüchtlingsfrage unterstützte. Das Filmfestival zeigte, wie viele starke Frauen
unterschiedlichen Alters es zur Zeit in dieser Kunstbranche gibt. Nur ein paar
Namen: Die Jury-Vorsitzende Meryl Streep hatten sowohl die deutschen Medien als
auch die Berliner schnell in ihre Herzen geschlossen. Die Dänin Trine Dyrholm
(s. u. mit Meryl Streep) wurde als beste Hauptdarstellerin in „Kollektivet“, Thomas Vinterbergs Film über eine komisch-tragische Wohngemeinschaft der 1970er Jahre,
ausgezeichnet. Die französische Regisseurin Mia Hansen-Love, die für „L’Avenir“
mit Isabelle Huppert einen Preis gewann, ist ebenso zu nennen wie Anne Zohra
Berracheds Film „24 Wochen“, der mit Julia Jentsch in der Hauptrolle das
heikle Thema Spätabtreibung behandelte.
Der Goldene Bär ging 2016 an den italienischen Film
„Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi, der als Dokumentarfilm das Flüchtlingsdrama
bei Lampedusa zeigte. Den Großen Preis der Jury
erhielt Danis Tanovic für den bosnischen Film „Death in Sarajevo“, ein
spannender und nachdenklich machender Streifen über diese von der Geschichte
gezeichnete Stadt und ihre Bewohner.
Die Cineasten kamen in Berlin sowohl bei den Filmen im Wettbewerb als auch bei
denen im Panorama- und Retrospektive-Programm auf ihre Kosten. Dafür sorgte –
neben den zivilen Eintrittspreisen - auch eine Vielzahl von Spielstätten im
Zentrum Berlins, wozu als größtes Kino
mit 1.900 Plätzen der Friedrichstadt-Palast gehörte.
Und außerhalb der Hauptstadt, als reizvolles Theater im
Kiez, präsentierten sich mit 300 denkmalgeschützten Sesseln die Neuen
Kammerspiele in Kleinmachnow bei Berlin, die von einer Genossenschaft (!)
betrieben werden. Man beachte die
unterschiedlich langen roten Teppiche…
Nicht minder spannend waren die cineastischen Rückblicke,
die zugleich deutsche Zeitgeschichte vermittelten. Dabei zeigten sich zum einen
das Jahr 1965/66 und zum anderen die Vergleiche zwischen den Filmproduktionen in
Ost- und Westdeutschland als besonders
aufregende Aspekte. Hier der in die Vergangenheit gerichtete Film von Volker
Schlöndorff „Der junge Törless“ (nach
dem Roman von Robert Musil) und dort der
unter der – damaligen - Gegenwart leidende DEFA-Streifen „Karla“ von Hermann
Zschoche (1966). Den Letzteren gab es sowohl
in der zensierten als auch in der nachbearbeiteten Fassung von 1990 zu
sehen. Die Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann war schlicht bezaubernd.
Zurück zur Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“, in der die
Bilder und Gedichte aus einer zumeist deutsch-jüdischen Kultur noch bis zum 03.April gezeigt werden.
Unter den zahlreichen ermordeten Künstlern, deren Werke gerettet werden konnten,
befand sich auch Selma Meerbaum-Eisinger (geboren 1924 in Cernowitz,
gestorben 1942 in einem Arbeitslager am Bug). Aus dem Gedicht „Lied“
der Sammlung „Blütenlese“ (erschienen in Stuttgart bei
Reclam 2013) stammt diese letzte Strophe von 1941:
„Nimm
hin mein Lied.
Vielleicht
bringt es
Das
Lachen einst zurück.
Und
wer es liest,
Der
sagt: Ich seh’s,
Und
meint damit das Glück.“
Sonntag, 20. Dezember 2015
Weihnachtsoratorium oder Messias?
Am Ende eines von menschlicher Gewalt und
Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Liebe geprägten Jahres bin ich wieder zu
den großen Meistern deutscher Musik zurückgekehrt. Sowohl Johann Sebastian Bach
als auch Georg Friedrich Händel haben mit ihrer geistlichen Musik auch
Nichtgläubigen große Geschenke gemacht.
Während in Deutschland das
„Weihnachtsoratorium“ von Bach - am eindrücklichsten gehört vom Thomanerchor in
der Leipziger Thomaskirche – das im Dezember am meisten gespielte Stück
ist, freut man sich in Großbritannien auf den „Messias“ von Georg Friedrich
Händel. Händels Oratorium wurde 1742 in Dublin uraufgeführt. Beide Komponisten,
die im gleichen Jahr 1685 geboren wurden, sind sich leider angeblich nur fast begegnet.
Während Bach im mitteldeutschen Raum (insbesondere
in Eisenach, Köthen und Leipzig, wo er 1750 starb) wirkte, war der mit Georg
Philipp Telemann befreundete Händel ein Mann von Welt. Er stammte aus Halle an
der Saale, bereiste Italien und wies Hamburg, Berlin, Dublin und vor allem London,
wo er 1759 starb, als Stationen seines Wirkens auf. Im Gegensatz zu Bach war
Händel auch ein recht wohlhabender Komponist.
Hier eine Kostprobe des „Messias“ im King’s College,
Cambridge:
Mozart und Beethoven, vor allem aber Felix
Mendelssohn Bartholdy waren es, die die innovative Musik Bachs nach einer Zeit
des Vergessens wieder ins Bewusstsein gehoben haben.
Möge bei all dem menschlichen Elend, das gegenwärtig
die vielen Flüchtlinge in Europa erleben müssen, Bachs Weihnachtsoratorium
musikalisch Mut machen zur Solidarität. Die Aufnahme mit dem Leipziger
Thomanerchor, die etwas älter ist, wurde jedoch nicht in der Thomaskirche
aufgenommen (bitte anklicken):
Das Innere der gotischen Thomaskirche in Leipzig, in
der auch J.S. Bach begraben ist:
https://de.wikipedia.org/wiki/Thomaskirche_(Leipzig)#/media/File:Leipzig-ChurchStThomas-Interior.jpg
Ein schönes Weihnachten und ein gutes neues Jahr
2016 wünscht
Ekkehard Henschke
20.12.2015
Mittwoch, 22. Juli 2015
Eine griechische Tragödie, der Chor der internationalen Medien und deutsche Empfindlichkeiten
Wir haben die griechische Tragödie[1],
in Brüssel aufgeführt, sehr intensiv und extensiv durch die Medien miterlebt,
auch den Zorn einiger Staaten, besonders Griechenlands, auf Deutschland. Bei
dem europäischen Versuch, Griechenland vor dem wirtschaftlichen Kollaps zu
retten, scheint es so auszusehen wie im Privaten: Bei Geld hört die
Freundschaft auf. Fest steht: Wie so häufig müssen auch in Hellas in erster
Linie die kleinen Leute leiden, während die Wohlhabenden rechtzeitig ihr Geld
in Sicherheit bringen konnten. Wie also können in den nächsten Wochen und
Monaten der Kollaps und die politischen und sozialen Folgen verhindert werden?
Die Höhe der angelaufenen griechischen Schulden ist
einfach zu hoch, als sie von diesem Land allein geschultert werden könnten.
Viele Fehler sind von allen Seiten in den letzten Jahren gemacht worden, von
den Gläubigern und dem Schuldner Griechenland. Angesichts des aufgezwungenen
Sparkurses erheben sich berechtigte Fragen: Wie soll die griechische Wirtschaft
jemals wieder wachsen können, wenn der Kapitalverkehr stark eingeschränkt ist,
die griechischen Banken nicht voll funktionieren können, der Zahlungsverkehr und
die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen dort nicht möglich ist. Durch
Anhebung der Mehrwertsteuer verteuern sich in der Regel die Preise. Gleichzeitig
muss der Staat sparen (insbesondere durch Entlassungen, Reduktion der Renten,
Kürzungen der Verteidigungsausgaben). Wie will man die weitere Drosselung der Binnennachfrage
vermeiden – neben dem Rückgang beispielsweise der so wichtigen Einnahmen durch
den Tourismus? Wie will man die Steuerehrlichkeit der Griechen fördern, wenn
man dort – ohne effiziente Finanzverwaltung – die großen potentiellen
Steuerzahler verschont? Will man wirklich die junge, intelligente Generation
Griechenlands, die in Folge jahrelanger politischer Versäumnisse in die
Arbeitslosigkeit getrieben wurde, in die nördlichen Euroländer vertreiben, wo
sie gern aufgenommen würden? Fragen über Fragen, die immer wieder zu der
Forderung nach einem Schuldenschnitt führen. Auch wenn sich bisher die
Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat: Ohne einen Schuldenschnitt (Englisch:
„haircut“), d.h. ohne den Verzicht der öffentlichen und privaten Gläubiger
gegenüber Griechenland, bei gleichzeitiger, kontrollierter Durchsetzung von
Reformen in Griechenland ist die (Er)Lösung von der griechischen Tragödie nicht
möglich. Als stärkste Wirtschaftsmacht in der Eurozone ist hier Deutschland,
das bisher den europäischen Gedanken besonders unterstützt hat, auch besonders
gefordert.
Schade und unfair war es, dass nicht alle Fakten in
den vergangenen Wochen genannt wurden. Insbesondere die deutsche Seite hat
Einiges schlecht kommuniziert, z.B. dass Wolfgang Schäuble, ein Schwabe und
deutscher Finanzminister, häufig als
böser Bube (oder noch schlimmer)
betitelt, erst vor wenigen Jahren mit Mühe die sogenannte Schuldenbremse durchgesetzt
hat. Sie bedeutet, dass es in Deutschland dem Bund und den einzelnen Ländern
gesetzlich verboten ist, in „normalen Zeiten“ Schulden zu machen. In
Deutschland hat es Schäuble auch erreicht, dass 2015 erstmals keine neuen
Schulden im Staatshaushalt des Bundes („Schwarze Null“) gemacht wurden. Er mag
sich vielleicht sogar noch vage an seinen Vorgänger, den Bundesfinanzminister
Fritz Schäffer erinnern, der in den 1950er Jahren einen “Julius-Turm“[2],
die thesaurierten Überschüsse des Bundeshaushaltes“ (8 Milliarden D-Mark = ca. 35 Milliarden Euro heute), zusammensparte.- Ein
noch Wichtigeres kommt hinzu: Die fortdauernde Sorge im Langzeitgedächtnis der
Deutschen, dass es wieder eine Inflation – wie in den 1920er Jahren - geben
könnte. Die Regierung Helmut Kohl hatte sich aus politischen Gründen (um die
europäische Einigung voranzutreiben) von
der D-Mark getrennt und die gemeinsame europäische Währung, den Euro, zusammen
mit anderen Ländern im Jahre 2002 eingeführt. Bis heute trauern viele Deutsche
der damaligen, stabilen D-Mark nach. Das sind wichtige (Hinter)Gründe, warum
Schäuble und Merkel so hart mit den Griechen verhandelten. Viele Regierungen,
auch die konservative britische, sind
gegenwärtig mit der Konsolidierung ihrer Haushalte beschäftigt. Die hohe Kunst
besteht darin, die Schulden abzubauen und die Wirtschaft zu fördern, ohne dabei
politische und soziale Verwerfungen zu produzieren.
Fast völlig ausgeblendet wurde in der bisherigen
deutschen Diskussion, dass Westdeutschland nach 1945 umfangreiche Hilfe
insbesondere von den USA erhielt und wie die alte, reiche Bundesrepublik der
maroden Wirtschaft der neuen, aber armen Bundesländer ab 1990 ganz massive
finanzielle und personelle Hilfe gewährte. Erst auf diese Weise konnten in den
vergangenen 25 Jahren zwar keine „blühenden Landschaften“, aber eine
weitgehende Gesundung der ostdeutschen Wirtschaft mit moderner materieller und
institutioneller Infrastruktur erreicht werden. Insofern sollten bei den
künftigen Verhandlungen mit der griechischen Regierung auch die deutschen
Erfahrungen mit einer Transfer-Union im europäischen Rahmen eingebracht werden.
Es geht auch, aber eben nicht nur um den Euro.
Angesichts so vieler Probleme, die in Europa zu
lösen sind – Süd-Nord-Migration, eigene demographische Entwicklung,
Umweltprobleme, Ukraine-Konflikt - , muss sich Europa auf den alten
Erfahrungssatz besinnen: Nur Einigkeit macht stark. Es geht um das gemeinsame,
auch von Griechenland mit erbaute europäische Haus.
22.07.2015/EH
[1] Daten
zur griechischen Staatsschuldenkrise bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Staatsschuldenkrise
[2] Zum
„Julius-Turm“, nach Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel genannt, in
Berlin-Spandau vgl. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Juliusturm
Dienstag, 12. Mai 2015
Ein wenig Poesie
Die Nachrichten über Erdbeben, Konflikte, Spionage unter Freunden und andere große und kleine Probleme lassen uns oft vergessen, dass es die Kunst, die Musik und die Literatur noch gibt, die uns erheben kann. Hier ein kleines Beispiel dafür von Ruth Stumme (1917-2006).
Nach dem Sturme
Als ich vom Schlaf
erwachte,
war der Sturm
verrauscht.
Und aus des Himmels
regenschwerem Grau
schien mir die Sonne,
und ein kleines Blau
erhellt’ den Tag. –
Es ließ ihn wachsen
bis zum Firmament,
an dem nun
deines Herzens Wärme
brennt.
Montag, 13. April 2015
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und unsere Umwelt
Theodor
Bergmann zum 99. Geburtstag am 07.03.2015
For British and German readers please start with these pictures:
http://www.theguardian.com/global-development-professionals-network/gallery/2015/apr/01/over-population-over-consumption-in-pictures?CMP=EMCNEWEML6619I2
Human rights and our environment. Where are today's risks and how to handle them?
Gedanken zu diesem gewaltigen Thema kreisen um die Frage: Was für eine Welt
hinterlasse ich eines Tages meinen Kindern und Kindeskindern? Wie sieht sie
gegenwärtig aus, und was ist angesichts der Fülle von Problemen zu tun?
Wachstumsfetischismus
und Weltrisikogesellschaft
Bei
der Diskussion dieser beiden Problemkreise gehe ich von zwei Überlegungen aus:
Zum einen, dass im Zeitalter der Globalisierung alles ökonomische, politische
und ökologische Geschehen weltweit positiv wie negativ miteinander verbunden
ist. Ich habe dabei das Prinzip der
kommunizierenden Gefäße vor meinem inneren Auge. Zweitens, dass die aus
diesem Geschehen erwachsenden Gefahren in der Regel von Menschen gemachte
Gefahren sind. Es sind Risiken, die
auch von uns Menschen weltweit gemeinsam auf den verschiedensten Ebenen
bewältigt werden können.
Ich
komme damit auf das, was der jüngst verstorbene Soziologe Ulrich Beck, der in den
späten 1970er und frühen 1980er Jahren auch kurz in Stuttgart-Hohenheim gewirkt
hat, mit seinen Darstellungen zur Risiko- bzw.Weltrisikogesellschaft uns vor
Augen geführt hat. Er hat gezeigt, dass
wir aufgrund des technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritts zunehmend
dessen Folgen ausgesetzt sind und diese wiederum die Risiken von Katastrophen
beinhalten; dass die Risiken nicht mehr nur lokaler, nationaler oder
kontinentaler Art sind, sondern inzwischen globaler Natur geworden sind; dass
sie auch nicht mehr auf bestimmte Klassen, Schichten, auf Arm oder Reich
begrenzt werden können, sondern uns alle auf diesem Planeten betreffen. Ich
meine insbesondere die Gefahr atomarer und klimatischer Katastrophen, die
räumlich und zeitlich potentiell unbegrenzt sind. An Szenarien dazu hat es
keinen Mangel. An konkreten Fällen leider auch nicht.
Angesichts
der noch immer dominierenden Ideologie des ungebremsten Wirtschaftswachstums
plädiert Beck daher wie viele andere Wissenschaftler[1]
vor ihm für eine „Gesellschaft des Weniger“.
Das
Szenario für 2015
Es
gibt viele wissenschaftliche Untersuchungen aus allen Himmelsrichtungen
darüber, welche Gefahren die weitere Vernachlässigung der natürlichen Umwelt
haben wird und was diese auch für das friedliche Zusammenleben aller in
Freiheit, Gleichheit und Solidarität bedeuten. Anfang 2015 konnten wir den
zehnten Bericht des Weltwirtschaftsforums lesen. Er befasst sich mit den zwei
globalen Risiko-Blöcken, die in
diesem Jahr 2015 erwartet werden und auf die es zu reagieren gilt: Zum einen
werden die globale Risiken genannt, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben:
Dazu gehören in erster Linie zwischenstaatliche Konflikte (Ukraine), extreme
Wetterereignisse, Versagen nationaler Staaten oder gar deren Zusammenbrüche
(Griechenland) und die strukturelle Arbeitslosigkeit (südeuropäische Länder).
Zu den weltweiten Risiken, die eine nachhaltige Wirkung haben, zählt der
Bericht an erster Stelle das gesellschaftliche Problem der Wasserkrisen, dann
die schnelle und starke Verbreitung von Infektionskrankheiten (Ebola), ferner
die Massenvernichtungswaffen, aber auch die zwischenstaatlichen Konflikte mit
ihren regionalen Folgen und – last but not least - das Ausbleiben von
Reaktionen auf den Klimawandel[2].
Durchgehend verweist der Bericht auf die Möglichkeiten, diese Risiken durch
weltweite Kooperation zu verringern. Über das internationale Kyoter Protokoll
zum Klimaschutz soll Ende dieses Jahres wieder verhandelt werden. Die
bisherigen Ergebnisse stimmen eher skeptisch.
Was
bedeutet das Szenario für die Wahrung der Menschenrechte?
Was
hat dies mit den Schlagwörtern der bürgerlichen Französischen Revolution
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu tun, die nun schon 226 Jahre
zurückliegt? Sehr viel, weil wir als Individuen sehr aufpassen müssen, dass die
errungenen individuellen Menschenrechte nicht unter globalen oder nationalen
sogenannten Sachzwängen (z. B. Wirtschaftswachstum > Arbeitsplätze) unter
die Räder geraten. Zu der Frage der Freiheit:
Es heißt immer so schön: Freiheit zu leben, zu lieben, zu reden, sich zu
versammeln. Dies alles schön im Rahmen der geltenden Gesetze. In den
rechtstaatlich und demokratisch
organisierten Staaten wachen formal die obersten Verfassungsrichter
darüber, dass die Gesetze und deren Anwendung mit den verbrieften
Freiheitsrechten konform gehen. Wie sieht es aber aus, wenn es zu einem
Zusammenprall der Kulturen kommt? Ich denke dabei an die Auseinandersetzungen
um den Islamischen Staat. Ist die Anerkennung der Menschenrechte ein
dauerhaftes Ergebnis von nur europäischen geschichtlichen Erfahrungen und
abendländischer Ethik? Gilt noch
„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“?
Wie
hoch das Risiko der Freiheit sein kann, haben wir durch das Massaker an den
Journalisten der Pariser satirischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ gesehen, die
die Meinungsfreiheit in Anspruch nahmen und von Islamisten bestraft wurden. In
der gesamten westlichen Welt sind zu Recht die Menschen auf die Straße
gegangen, um ihre Sympathien für die Journalisten und den Protest gegen die
Einschränkung der Meinungsfreiheit durch religiöse Gruppen zu artikulieren.
Eine andere Gefahr für die Freiheit des Einzelnen kommt genau von der Seite,
die diese zu schützen hat: Vom Staat und seinen „fürsorglichen“ Organisationen.
Spätestens seit den Terrorakten von 2001 erleben wir zunehmende Bemühungen der
westlichen Regierungen, zur Abwehr von Terroristen eben diese Freiheiten
einzuschränken. Ich denke an die Spionageorganisationen NSA der Amerikaner,
GCHQ[3]
der Briten und an den BND von uns Deutschen und an deren Wünsche, ungehinderten
Zugang zu persönlichen Daten zu bekommen. Ich habe in Oxford den ehemaligen
Direktor der NSA, Michael Hayden, erlebt, der in verführerischen Worten für die
breite digitale Überwachung der Bevölkerung der westlichen Länder plädierte, um
der weltweiten Gefahr des Terrorismus, insbesondere der Islamisten, Herr zu
werden. Die Enthüllungen des IT-Spezialisten Edward Snowden haben das ganze
Ausmaß der bereits bestehenden Überwachung aufgezeigt. Er ist das persönliche
Risiko eines amerikanischen, gut bezahlten Computerspezialisten und
Verfassungspatrioten eingegangen und hat sich bei seinen Enthüllungen auf die
amerikanische Verfassung mit ihren Menschenrechten bezogen. Der amerikanische
Leviathan droht ihn zu verschlingen, ins Gefängnis zu werfen dafür, dass er
sich ganz konkret für die Wahrung der Menschenrechte eingesetzt hat. Allerdings sitzt er nun in
der Falle in Moskau. Es ist erschreckend, wie relativ gering die öffentliche
Reaktion war. Die Journalisten als „die vierte Gewalt“ sind sich der Gefahren
am ehesten bewusst und polemisieren gegen entsprechende Regierungsvorschläge,
aber wer ist schon für Snowden und gegen die Überwachung durch NSA, GCHQ und
BND auf die Straße gegangen? Auch der tapfere Hans-Christian Ströbele, unser
grüner Mann mit dem roten Schal, der Snowden in Moskau traf, hat für ihn kein
Aufenthaltsrecht in Deutschland durchsetzen können – weil unsere amerikanischen
Freunde ihn nicht als Verfassungspatrioten sondern als international gesuchten
Verräter suchen.
Gleichheit
ist ein nicht minder wichtiges Menschenrecht. Nicht erst seit der umfangreichen
Arbeit des französischen Ökonomen Thomas Piketty über „Das Kapital im 21.
Jahrhundert“[4]
wissen wir von den vielen Formen von Ungleichheit auf diesem Planeten. Aufgrund
eines umfangreichen Datenmaterials, das für einige westeuropäische Staaten und
die USA bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht, gelangt er zu einigen
„fundamentalen Gesetzen des Kapitalismus“. Für den allgemeinen Anstieg der
Ungleichheit macht er die Tatsache verantwortlich, dass das Einkommen aus
Kapital (ca 5 %) dauerhaft das Einkommen durch Arbeit (maximal 1,5 %)
übersteigt. Aufgrund der daraus folgenden Konsequenzen für die einzelnen Volkswirtschaften und die Weltwirtschaft und
ihre Menschen fordert er Umverteilung, um Ungleichheiten abzumildern, die der
Marktprozess schafft, u.a. durch eine stärkere Besteuerung von Kapital sowie
verstärkte Regulierung der Kapitalmärkte.
Was
sind die konkreten Folgen von Ungleichheit? Fast täglich erleben wir über die
Medien, wie Menschen aus armen Gegenden Nordafrikas versuchen, in die reichen
europäischen Länder zu gelangen. Die gegen den Hunger in der Welt ankämpfende
Organisation OXFAM hat erst kürzlich in ihrem Bericht die sich verschärfende
Ungleichheit der Lebensbedingungen in Ost und West, in Nord und Süd konkret
nachgewiesen[5].
Allein in der Zeit von 2009 bis 2014,
als viele Länder unter Rezession, wachsender Arbeitslosigkeit, sozialen
Kürzungen und fallenden Realeinkommen litten, hat sich die Zahl der Milliardäre
verdoppelt. Auch OXFAM plädiert deshalb
für höhere Besteuerungen aus Kapitaleinkommen und Regulierung der
Kapitalmärkte, um weltweit individuelles Überleben, Leben und Wohlstand zu
erreichen. Einige hier in diesem Kreis haben sicherlich wie ich die Bilder von
den Zuständen in asiatischen Slums vor Augen[6].
Allein, wenn auf das Vermögen der Milliardäre 1,5 % Steuern erhoben würden,
könnte man laut der OXFAM-Studie mit den
jährlich eingenommenen 74 Milliarden Dollars jedem Kind in den ärmsten Ländern der
Welt schulische Bildung und Gesundheitsfürsorge ermöglichen.
Brüderlichkeit
ist bekanntlich der Zwillingsbruder der Gleichheit. Solidarität mit den
Benachteiligten ist die Forderung nach Aufhebung von Ungleichheit.
Ein
zu schwacher Trost sind da die philanthropischen Bemühungen, wie sie z. B. der
ehemalige Microsoft-Gründer Bill Gates und der Spekulant Warren Buffet im
Rahmen ihrer Initiative „The Giving Pledge“[7]
und ihrer Stiftungen machen.
Was
kann, was muss getan werden?
Die Erkenntnisse der Wissenschaftler – ich denke
in Deutschland auch an den einst in Wuppertal arbeitenden kritischen
Naturwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker[8] und an
den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind[9] - und deren Wirken in der Öffentlichkeit ist
ein mühsames und langsames Geschäft. Wer aber sollte Korrekturen an Fehlentwicklungen
durchführen, wenn nicht die Politiker? Und die denken und handeln wiederum
meist nur in vier- oder fünfjährigen (Wahl-)Perioden. Nicht selten sind sie
fremden, kontraproduktiven Einflüssen
erlegen. Als dritte Möglichkeit der
Korrektur sehe ich die durch Protestbewegungen. Ähnlich wie die engagierte
kanadisch-israelische Sozialistin Naomi Klein[10] sehe
ich die Notwendigkeit, auch durch öffentlichen Druck die Politik zu bewegen.
Vor allem von dem fatalen Glauben an das notwendige unbegrenzte Wachstum muss
sich die Politik lösen. Dessen Folgen sehen wir in Gestalt schwindender
natürlicher Ressourcen und dramatischer Klimaveränderungen. Und diese drohen
fatal für die Menschheit zu werden.
Dagegen, gegen neoliberale Wirtschaftspolitik, setzen alternative Wirtschafts-
und Sozialwissenschaftler spätestens seit den Aktivitäten des Club of Rome ihre
Vorstellungen von Wachstumsrücknahme (DeGrowth). Das Ziel einer entsprechenden
Umsteuerung durch eine auch solidarische Ökonomie heißt qualitatives (anstelle
von quantitativem), selektives (besonders wertvolle Sektoren betreffendes) und
nachhaltiges Wachstum, das im Rahmen demokratischer und solidarischer
Strukturen erreicht werden soll.
Das
bedeutet natürlich eine massive Kapitalismuskritik und reichlich Widerstände.
Trotz des notwendigen öffentlichen Drucks auf die Politik: Meiner Meinung nach kann es keine
revolutionären Lösungen geben, sondern angesichts der globalen Vernetzung der
Volkswirtschaften nur gemeinsame
evolutionäre Lösungen. Einseitige oder revolutionäre Lösungen würden das
ganze, ohnehin labile System der Weltwirtschaft zu Lasten aller gefährden. Ein
kleines Beispiel, wie schwierig so etwas in einem Land mit einer dominierenden
Finanzwirtschaft ist: Ich habe vor zwei Jahren zufällig eine Sitzung des
englischen Oberhauses erlebt, in der über die Regulierung der britischen Banken
diskutiert wurde. Die Resultate allein für die Londoner City, Zentrum der
britischen und weltweit agierenden Finanzwirtschaft, sind jedoch bisher dürftig
gewesen. Steuerflucht gerade der Reichen und wieder anschwellende Kreditblasen
machen staatliches Eingreifen aber notwendig. Deshalb kann auch das Problem der
britischen Finanzwirtschaft nur im Rahmen von Verhandlungen innerhalb der
Europäischen Union gemeinsam gelöst
werden.
Wie
wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, gibt es durchaus Möglichkeiten, auf
evolutionäre Weise politische, soziale und wirtschaftliche Verhältnisse zu
verändern. Ich denke an die Bürgerbewegungen mit Petitionen und Volksentscheiden[11],
auch an die sehr diskussionsbedürftige Pegida-Bewegung und natürlich an die
alte Antiatomkraft-Bewegung, die zumindest im Unterbewusstsein der Deutschen
geblieben ist und traurigerweise durch die Reaktorunfälle in Japan späte
Erfolge gehabt hat und zur Energiewende beigetragen hat. Und ich denke an die
großen technischen Fortschritte im Bereich der erneuerbaren Energien, die auch
in Schwellenländern wie China und Indien z.T. bereits genutzt werden. Die
Leugnung des Klimawandels wie jüngst im amerikanischen Kongress (im
Zusammenhang mit einer Riesen-Pipeline) ist und bleibt hoffentlich nur ein
welthistorisches Kuriosum.
Wie
kann jetzt schon gehandelt werden?
Hier
können wir auf bewährte solidarische Werkzeuge in der Wirtschaft zurückgreifen,
insbesondere auf das Instrument der Genossenschaften. In den 1970er und
1980er Jahre gab es in Deutschland eine Gründungswelle im Bereich der
alternativen Ökonomie, aber auch Rückschläge (Neue Heimat). Im Ausland, z.B. in
Brasilien, entstanden die Kooperativen. Aber auch Kraftakte der Politik der
jüngsten Zeit sind möglich. In Deutschland kann man gegenwärtig die Bemühungen
verfolgen, wie auf regionaler und lokaler Ebene die von der Bundesregierung
initiierte schwierige Energiewende umgesetzt werden kann. „Weg von der Atomenergie,
hin zur emissionsfreien Energieerzeugung“ ist ein großer Kraftakt. Er hat eine
Fülle von regionalen und lokalen Initiativen verstärkt freigesetzt, die sich
auch ökonomisch rechnen. Dabei wird man sich allerdings auch zunehmend bewusst,
welche ästhetischen und letztlich wirtschaftlich-sozialen Probleme man sich mit
der Einführung erneuerbarer Energieerzeuger wie Windkraftwerke und
Photovoltaikanlagen einhandeln kann, aber auch welch interessante Variationen
es inzwischen gibt. Dazu lohnt auch mal ein Blick aus der sogenannten
Froschperspektive. Große Dinge müssen nicht nur von Staaten und erst recht nicht von global
operierenden Unternehmen oder einigen philanthropisch gesinnten Superreichen
geschehen. An vielen Orten kann man bürgerschaftliches
Engagement für den Umweltschutz entdecken.
Die
vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft wird kritisch betrachtet, wenn sie
durch großflächige Solaranlagen und Windräderanlagen denaturiert wird. Kein
Geringerer als Immanuel Kant hat schon von einem „Anspruch des Menschen auf
eine Natur, die ihn ästhetisch anspricht“, von einem unmittelbaren Interesse am
Naturschönen, das er als „Wohlgefallen a priori“ definiert gesprochen[12].
Deshalb verdienen Überlegungen, wie mit Hilfe eines Kulturlandschaftsplanes auf
lokaler Ebene Energie ökonomisch, sozial und ästhetisch verträglich erzeugt
werden kann, besondere Beachtung. Zur Definition des Kulturlandschaftsplans.
Darunter versteht der Fachmann „eine informelle Planung, die darauf abzielt,
für den ländlichen Raum eine wirtschaftlich tragfähige Basis für die Erhaltung,
Pflege und Entwicklung der Kulturlandschaft zu schaffen. Diese Basis soll den
ländlichen Raum durch ein dezentrales Energiekonzept autark, ökologisch sowie
CO²-neutral machen und den Energiepreis langfristig stabil halten“[13].
Das Konzept eines Hallenser Landschafts- und Umweltplaners schlägt vor, mit
Hilfe bereits vorhandener Technologie die außerhalb bestehender Wälder
vorhandenen Hölzer in Energie umzuwandeln und für die lokale Nutzung über
Kraft-Wärme-Koppelung bereit zu stellen. Die Organisation dieser Nutzung und
dauerhaften Pflege der Allmende-Ressourcen (Flurhölzer) sowie der Betrieb der
technischen Einrichtungen sollen von der Dorfgemeinschaft erfolgen. Der
wiederbelebte Gedanke der im Mittelalter wohlbekannten Allmende, d.h. der Gemeingüter (Commons)[14],
hat neben dem ökonomischen Effekt auch eine starke soziale Bindungskraft.
Dieser Wissenschaftler hat auf die positiven ökologischen Wirkungen
hingewiesen, die mit der Nutzung und dauerhaften Pflege von Gehölzen in der
Kulturlandschaft auf diese Weise
verbunden sind: u.a. Schutz des Dorfes vor Unwetter-Kollateralschäden, Schutz
gegen Bodenerosion, Habitat für wildlebende Tiere und wildwachsende Pflanzen.
Wie wir von dem starken Anstieg der
Energiegenossenschaften in Deutschland – von 66 im Jahre 2001 auf gegenwärtig
rund 1.000 - wissen, ist diese Form der
Energiegewinnung und –nutzung eine wirtschaftlich und soziale Alternative zu
privatwirtschaftlichen und staatlichen Energieunternehmen geworden.
Die
Quintessenz all dieser Gedanken:
Global denken und lokal handeln, und dies nicht gegeneinander
sondern miteinander.
Ekkehard
Henschke, Oxford/Berlin
(Stand: 16.03.2015; versandt)
[1] Vgl. Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft.
Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Frankfurt/Main 2007; Donella Meadows u.a., Die
Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit.
Stuttgart 1972.
[2]
World Economic Forum Report 2015: http://knowledge.zurich.com/risk-interconnectivity/global-risks-2015-report/
(aufgerufen am 16.02.2015).
[3] Zu National Security Agency siehe Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/National_Security_Agency. Zu Government Communications Headquarters
vgl. Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Government_Communications_Headquarters
(aufgerufen am 15.02.2015).
[4] Thomas Piketty, Das Kapital im 21.
Jahrhundert. München 2014, 3. Aufl.- Siehe dazu u.a. die Besprechung der
englischen Ausgabe durch Jan-Otmar Hesse, New “fundamental laws of capitalism”.
Thomas Piketty and Economic History. In: Vierteljahrschrift für Wirtschafts-
und Sozialgeschichte, Bd. 101, H. 4, 2014, S. 500- 505.
[5] Wealth: Having it all and wanting
more. OXFAM January 2015: http://www.oxfam.org/sites/www.oxfam.org/files/file_attachments/ib-wealth-having-all-wanting-more-190115-en.pdf
(aufgerufen am 16.02.2015).
[6] Vgl. Ekkehard Henschke, What has Vikram to do
with India’s population explosion? In: MASALA. Newsletter, Jg. 7, Nr. 1,
Januar 2012, S. 14-23.
[7] Vgl.
Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/The_Giving_Pledge
(aufgerufen am 16.02.2015).
[8]Vgl.
http://www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de/gesichter/ernst-ulrich-von-weizs%C3%A4cker
(aufgerufen am 16.03.2015).
[9]Vgl.
Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Schneidewind
(aufgerufen am 16.03.2015).
[10] Gerade
erschienen in Deutsch: Naomi Klein, Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.
Frankfurt/Main 2015.
[11] Nach ATTAC z.B. das Netzwerk Campact mit
rund 1,6 Millionen Teilnehmern; https://www.campact.de/campact/
(aufgerufen am 15.02.2015).
[13] Bernd Reuter, Der Kulturlandschaftsplan als
Instrument der energetischen Autarkie. In: Energielandschaften gestalten.
Leitlinien und Beispiele für Bürgerpartizipation. Bonn 2014, S. 26-38, bes. S.
26.
[14] Dazu u.a. die in der Nachfolge der
Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom entstandene Arbeit „Gemeingüter – Wohlstand
durch Teilen; vgl. Silke Helfrich, Rainer Kuhlen, Wolfgang Sachs, Christian
Siefkes“. Berlin 2010.
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