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Samstag, 18. April 2020

Oxford im Corona-Frühling 2020

So zeigt sich gegenwärtig die alte Universitätsstadt Oxford. Die Menschen sind auf Distanz zu
einander gegangen, und jeder grüßt jetzt jeden verständnisvoll und freundlich. Doch im Hintergrund lauert weiterhin die Pandemie. Hier die letzten Zahlen der WHO: https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/situation-reports/20200417-sitrep-88-covid-191b6cccd94f8b4f219377bff55719a6ed.pdf?sfvrsn=ebe78315_6 (Stand: 17.04.2020)


Jetzt sind es schon vier Wochen her, dass meine Frau Helen und ich in Selbstisolation gegangen sind. Die Zeit habe ich sehr genutzt, um mein lang gehegtes Projekt, ein Buch über die jungen Akademiker in der Organisation von Alfred Rosenberg, Hitlers Chefideologen, endlich zu Ende zu bringen („Rosenbergs Elite und ihr Nachleben“). Vor drei Tagen habe ich das Manuskript  an den Verlag geschickt.
Trotz meiner Konzentration auf das Buch erlebte ich durch die Medien, dass die britische Regierung wesentlich später zu den notwendigen Beschränkungen gegriffen hat als die deutsche. Der Premierminister gab ein schlechtes Beispiel, weil er am Virus selbst erkrankte. Hinzu kam, dass das hiesige (kostenlose) staatliche Gesundheitssystem in der Krise überfordert war und ist. Am 17. April wurden 861 neue Tote in Großbritannien gezählt. Andererseits gehören die Mediziner der hiesigen Universität gegenwärtig zu den Spitzenforschern bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19. Im Vergleich dazu kommt Deutschland, auch was die Todesraten  (299) angeht, besser weg.  Die Iren (42) sind in der Hinsicht noch besser! Die Amerikaner (2.350) schocken uns täglich mit den Opferzahlen aus New York.
Wir sind in „Luxus“-Isolation, weil wir einen kleinen Garten und einen großen Park für den täglichen Spaziergang haben. Und weil wir uns von einem großen Lieferdienst mit Lebensmitteln, dem Milkman mit Milchprodukten, dem französischen Bäcker mit leckeren Backwaren sowie einem Lieferanten von frischem Bio-Gemüse,-Obst, -Fisch und -Fleisch versorgen lassen. Dieses Versorgungssystem bedingt allerdings gute Planung, weil wir nur in wöchentlichen Zeitfenstern bestellen können und die Lieferung erst in einer Woche – in der Regel vollständig – bekommen. Schade natürlich, dass wir Helens kleine Enkeltochter Willow nur auf Distanz oder auf Fotos erleben können, was auch für meine Kinder und Enkelkinder bei Bonn gilt.
Von unseren indischen Freunden habe ich erfahren, dass sich die Mutter mit ihrer behinderten Tochter in Mumbai, dem gemeinsamen, auch beruflichen Mittelpunkt, befindet. Der Ehemann steckt dagegen in London und der Sohn auf einer indischen Insel fest. Wie soll die Pandemie in einem Land mit 1,3 Milliarden Menschen bekämpft werden, für das die Regierung des Hindu-Nationalisten Modi kürzlich einen Lockdown verordnet hat? Die Folgen in den dichtest besiedelten Städten mit riesigen Shanty Towns vermag ich mir angesichts der katastrophalen Entwicklung in Italien, Spanien und in den USA nur mit Grausen vorstellen. 
Natürlich vermissen auch wir die bisherigen Annehmlichkeiten, weil wir nicht einfach andere Menschen besuchen, ins Stadtzentrum, ins Kino oder in ein Restaurant gehen können. Dafür erleben wir viel soziale Wärme über die sozialen Medien und über die elektronische Post. Oder sichtbare Zeichen der Unterstützung, die Kinder in unserer Nachbarschaft für die strapazierten Krankenschwestern und Ärzte gemalt haben:
Wir erlebten auch typisch britische Reaktionen auf die Corona-Krise. So erfuhren wir von dem Wunsch eines befreundeten Professors, der bisher begeisterter Golfspieler war und es bleiben wollte. Er konnte nun nicht mehr auf der Weite eines Golfplatzes spielen. Er überlegte, googelte und fand für seinen kleinen Garten in Oxford eine Lösung: Er baute ihn zu einem drei mal drei Meter großen Golfplatz um, der mit einem drei mal drei Meter hohen Netz abgesichert wurde. Wir haben seine köstliche Schilderung mit Fotos vom Aufbau und der Inbetriebnahme gelesen. Der Mini-Golfplatz funktioniert, die Schläger sind in Betrieb...
In der Hoffnung, dass wir möglichst alle gesund bleiben können, grüßt aus Oxford
Ekkehard Henschke
am 18. April 2020

Sonntag, 2. Februar 2020

Brexit, the most pointless, masochistic ambition in our country’s history is done



So lautete ein Tweet der britischen Aktivistin Julie Hickmott am 01.Februar 2020.
Auch am zweiten Tag nach dem Austritt fällt mir nichts Neues mehr ein zum Thema, das uns auf der Insel und auf dem Kontinent seit vielen Monaten beschäftigt, aber auch ermüdet hat.


Die eine freut sich (DAILY MAIL), der andere sorgt sich (THE GUARDIAN). Je nachdem, welche Zeitung man in Großbritannien liest.- In Oxford, wo man mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hatte und die "Remainer" stark im Stadtparlament vertreten sind, war die Stimmung traurig-trotzig: Um 23 h/24 h MEZ quittierten die „Remainer“ auf dem Bonn Square am 31.01.2020 mit der Europahymne „Freude schöner Götterfunke“ die Loslösung der britischen Insel von Europa. Den deutschen Text hatten sich einige Briten zuvor ausgedruckt…



Auch nichts Neues: Beide Seiten, die Johnson-Regierung und die EU-Unterhändler bauen nun ihre Drohkulissen für die Verhandlungen auf, die das Verhältnis zwischen Großbritannien und der Europäischen Union nach dem 31.12.2020, dem Ende der Verhandlungsfrist, regeln sollen. 

Was bleibt nach 47 Jahren Gemeinsamkeit? 
Ein Gefühl der Verbundenheit, insbesondere der jungen Generation - jenseits von wirtschaftlicher und Großmannssucht; 
Traurigkeit der älteren Generation - weil die Erfahrungen von zwei Weltkriegen mit so vielen Toten und die Freude über gemeinsam erlebten Frieden und Wohlstand nicht ausgereicht haben...

Ekkehard Henschke
02.02.2020

Montag, 16. Dezember 2019

Die britischen Wahlen 2019: Tragödie oder Farce?



Die Wahlen zum britischen Unterhaus waren für Viele so etwas wie eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Gab es doch zwei Parteiführer, die auch innerhalb ihrer Parteien selbst umstritten waren. Hier der konservative Boris Johnson, der bei dem Brexit-Referendum und danach sehr frei mit Fakten umgegangen war, dies aber mit seinem Großen-Jungen-Charme beiseiteschieben konnte. Dort ein prononciert sozialistischer Jeremy Corbyn, der sich weder für noch gegen den Brexit aussprechen wollte. Die kleine Liberaldemokratische Partei unter der jungen Jo Swinson war die einzige Partei, die klar für den Verbleib in der Europäischen Union plädierte. Das wurde jedoch nicht honoriert.

Wo waren die vielen EU-Anhänger und Klimawandelgegner der letzten Monate geblieben, als es am 12. Dezember bei der Wahl um den Austritt aus der EU, eine sozialere Politik und eine bessere Umweltpolitik ging?

Die Kommentare in den Medien hatten eine Vielzahl von Erklärungen. Ich denke: Das britische Wahlvolk hatte generell genug von der Brexit-Frage und wollte die Umsetzung des Entscheids der 52 %, der EU-Gegner. Die Wähler hatten auch keine Sympathien für Corbyns radikale Pläne, die auf eine Nationalisierung von Schlüsselsektoren  hinausliefen. Deshalb wurde mit überwältigender Mehrheit  Johnson gewählt. Er hat nun (fast) freie Hand in der Durchsetzung seiner Politik für einen sofortigen Brexit, die Sanierung des Gesundheitssystems sowie die verstärkte Durchsetzung von Gesetz und Recht. Johnson will das Vereinigte Königreich (wieder) in eine glorreiche Zukunft führen. 
Dabei werden es vermutlich die schottischen Nationalisten mit ihren starken Gewinnen sein, die ihm einen Knüppel zwischen die Beine werfen werden. Sie wollen eine Referendumsentscheidung über das Ausscheiden Schottlands aus eben diesem Vereinigten Königreich erreichen. Derweil werden die Verhandlungen zwischen London und Brüssel laufen, um die Detailfragen der Loslösung Großbritanniens von der EU zu klären. Und die werden noch lange dauern.

Britische Politik bleibt also spannend und wird weiter zwischen Tragödie und Farce schwanken. Shakespeares Narr hätte reichlich Stoff für seine Kommentare…

Ekkehard Henschke, 16.12.2019

Dienstag, 10. September 2019

Brexit: Machtkampf in London – Regierung gegen Parlament



Seit dem Referendum über den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, den im Jahre 2016 52 % der wählenden Briten befürworteten, aber immerhin 48 % ablehnten, ist ein Machtkampf zwischen der Exekutive und der Legislative entbrannt. Zur Erinnerung: Die Parteivorsitzende der Konservativen und Premierministerin Theresa May, die in diesen Ämtern bestätigt worden war, konnte ein mühsam mit der EU-Kommission ausgehandeltes Ausstiegsabkommen im Unterhaus nicht durchbringen. Die EU-Staaten hatten es akzeptiert, das britische Unterhaus lehnte es mehrmals ab. Knackpunkt war stets das Bestehen der Mehrheit auf der vollen Rückgewinnung der Souveränität Großbritanniens. Der „Backstop“, die Versicherung, dass Nordirland beim Brexit keine harte Grenze zur Republik Irland haben sollte, war als Problem nicht zu lösen. Darüber stürzte May. Der erzkonservative Abgeordnete und zeitweise Außenminister der Regierung May, Boris Johnson, übernahm die Regierung mit dem ausdrücklichen Versprechen, Großbritannien bis zum 31. Oktober 2019 aus der EU herauszuführen, einen Brexit auch ohne ein Abkommen mit der EU durchzuführen.

Heute, am 09.09.2019, versucht das Unterhaus erneut, eine Lösung zu finden. Es geht um die Neuwahl des Parlaments vor dem 31.Oktober, was eine Zweidrittelmehrheit voraussetzt. Das wäre eine Begründung für die Verschiebung des Austritts, die jedoch von Johnson abgelehnt wird. Die stärkste Opposition, die Labour Party, ist in der Frage des Brexit gespalten. Immerhin konnten sich parteiübergreifend die Parlamentarier auf ein Gesetz einigen, das es Johnson verbietet, ohne ein Abkommen mit der EU den Brexit ab 31.Oktober zu vollziehen.

Die Zeit für eine Einigung läuft heute, am 09.09.2019, aus. Ab Morgen wird das Unterhaus aufgrund einer Anordnung des Premierministers in einer vierwöchigen Parlamentspause sein, also nicht mehr handeln können.
                                        Anzeige im DAILY TELEGRAPH vom 09.09.2019

Inzwischen gibt es auch unter den EU-Regierungen verstärkt den Wunsch, den Austritt Großbritanniens über den 31. Oktober hinaus nicht zu akzeptieren. Im DAILY TELEGRAPH von heute, 09.09.2019, hat die britische Regierung eine ganzseitige Annonce geschaltet, die an Deutlichkeit nicht zu übertreffen ist. Nebenbei bemerkt: Es handelt sich um die große konservative Zeitung, in der Johnson bisher seine entsprechenden Kolumnen gegen ein hohes Salär geschrieben hat. Und noch eins: Vor etwa 400 Jahren kämpfte schon einmal ein Monarch um die Macht mit dem Parlament. König Charles I. löste einen Bürgerkrieg in Großbritannien aus und verlor buchstäblich den Kopf.
Ob Boris Johnson, der zusammen mit seinem Berater Dominic Cummings, ohne Verlust seines Amtes diesen Drahtseilakt durchführen kann, also noch abstürzen wird? Das ist auch eine Schicksalsfrage für die britische Demokratie mit einer machtlosen Königin an der Spitze. Sicher ist schon jetzt der wachsende Schaden für die britische und irische Wirtschaft, aber auch für das britische Gesundheits- und Wissenschaftssystem, alle sind auf den personellen „Blutaustausch“ mit der Europäischen Union angewiesen. Die 27 anderen EU-Staaten verlieren beim Brexit ebenfalls, vor allem den kritischen Partner bei der notwendigen Reform der Union. Der menschliche und politische Schaden bei der Wiederaufrichtung von Grenzen, einer neuen „Splendid Isolation“, ist nicht einmal zu kalkulieren. Ein Brexit ohne Einigung über die Modalitäten wird angesichts der engen Verflechtung Großbritanniens mit der EU jedoch zumindest zeitweise ein Chaos auslösen.
09.09.2019   

Montag, 12. August 2019

Mut fassen, Mut und Druck machen!

Bildergebnis für picasso friedenstaubeMut fassen, Mut und Druck machen!

Ein Appell, der nicht einfach mit dem Argument der Naivität beiseite geschoben werden kann:

An einem Sonntag wie diesem, am 11.08.2019, wanderten die Gedanken zu einer Vielzahl von Dingen. Zu historischen Ereignissen wie dem Berliner Mauerbau am 13. August 1961, den ich seinerzeit an Bord eines Frachtschiffes vor der westafrikanischen Küste erlebte. Was in den folgenden fast dreißig Jahren keiner für möglich gehalten hatte: Im November 1989 fiel diese Mauer – nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Menschen in Leipzig und Berlin machten es möglich, weil sie Druck machten.

Meine Gedanken gingen aber vor allem zu einer Vielzahl von Problemen, die wir gegenwärtig weltweit haben und die wir alle gemeinsam lösen müssen. Dazu gehören insbesondere

-        der beängstigend schneller werdender Klimawandel, den furchtsame, korrupte und/oder populistische Politiker geschehen lassen;

-        die vielen akuten oder schwelenden Konflikte, die in Europa (insbesondere Ukraine, EU-Großbritannien), Afrika (insbesondere Sudan, Mali, Jemen), Asien (insbesondere Afghanistan, Syrien, Palästina, Hongkong, Kaschmir) ablaufen, internationale Auswirkungen haben, aber nicht mehr durch Verhandlungen, z.B. im Rahmen der UNO, gelöst werden.  

„Dank“ der schnellen Vermittlung der Details dieser Probleme durch die Medien erleben wir zugleich eine derartige Fülle an Informationen dazu, so dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, sie mental zu verarbeiten. Hinzu kommt der Zweifel an den Möglichkeiten, die Probleme als informierte und mündige Bürger angehen zu können. Die Wissenschaftler haben die Analysen und die Problemlösungen geliefert, aber die politische Elite scheint unfähig zu sein, jenseits des Zyklus‘ von Wahlperioden mittel- und langfristige Lösungen gemeinsam zustande zu bringen.

Statt Resignieren: Mut haben und Druck machen: Zum Glück ist es die junge Generation weltweit, die sich nicht mehr alles gefallen lässt und aufbegehrt. Wir von der älteren Generation werden beschämt, weil wir offensichtlich geschlafen, versagt haben bei der Lösung der o.a. Probleme. Und wir erinnern uns des Versagens unserer Väter und Mütter, die sich nicht dem Nationalsozialismus entgegenstellten. Jetzt ist die mittlere Generation gefordert, die in der Wirtschaft, im politischen und öffentlichen Leben steht. An sie geht der Appell, Druck auf allen unteren, mittleren und oberen Ebenen auf Entscheidungsträger zu machen, um die genannten Bedrohungen abzuwenden. Vor allem die Mitglieder dieser Generation haben - durch Reisen und mediale Kontakte – die Möglichkeiten, Einfluss auch in anderen Ländern zu nehmen – unabhängig von den dortigen politischen Systemen.

Bescheidenheit und Mut praktizieren:Die Überheblichkeit, mit der wir, Westeuropäer und Amerikaner, von der Überlegenheit der freiheitlichen und demokratischen Ordnungen sprachen und heuchlerisch Waffen in Spannungsgebiete lieferten, muss zu den Akten gelegt werden!

12.08.2019

Mittwoch, 24. April 2019

Neuerscheinung: Werner Taesler. Flüchtling in drei Ländern

Als Herausgeber und Autor des umfangreichen Nachwortes habe ich mit dem deutsch-schwedischen Architekten und Sozialisten Werner Taesler (1907-1998) einen Menschen entdeckt, der durch seine Memoiren und Tagebucheintragungen, seine Baupläne und Aquarelle zu den kritischen und zugleich nachdenklichen Persönlichkeiten seiner Zeit gehörte. Taesler zählt zu den wenigen Architekten des Bauhauses, die dessen Anregungen und die Erfahrungen (als Mitarbeiter von Ernst May) in der Sowjetunion in das demokratische Schweden mitbrachten und von dort wiederum eine Fülle von Anregungen für ihr Wirken empfingen. Er wurde als kritischer Sozialist zugleich Vorreiter eines sanften Tourismus in Schweden.
Das Buch (336 Seiten, 39 Abbildungen) erschien im Stuttgarter Verlag Opus Magnum Edition Amici. Die Paperbackausgabe ist für € 19,90 im Einzel- und Versandbuchhandel erhältlich.